Ideen – Zu gut für die Tonne

lebensmittel

Jörg Neubauer, Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, schob seinen Stuhl zurecht, sah auf seinen Zettel und dann auf sein Gegenüber, dann wieder auf seinen Zettel und noch einmal auf sein Gegenüber.

Im Gegenüber saß Dr. Dr. Dr. h.c. Angelika Lamschlag, Prof. Dr. Dr. Friedrich Unstrut von Haue, Konsul Hanne Vargas y Iglesias y Fernandes de Onza, Dipl. Psych. Julius Meinert, Justizrat Lena Hurz, Chantalle Ulag MSc, MA, MEng, Esqu. und Staatsschauspieler Harald Jahnert. Kurz: Eine durchschnittliche Delegation der Deutschen Ernährungsmittel- und Agrarwirtschaft.

Neubauer (der nur einen Bachelor in Agrarwissenschaften besaß) sortierte nervös seine Notizen. Er bereute, dass er bei der vorherigen Personalbesprechung des Ministeriums nicht zumindest um einen Praktikanten gebeten hatte, der ihn in den Termin hätte begleiten können. “Meine Damen und Herren, ich…” Er zögerte. Ihm war nicht klar, wie sein Gegenüber reagieren würde. Im Moment sahen ihn alle nur mit einem erwartungsvollen Lächeln an. Außer Staatsschauspieler Harald Jahnert, der offensichtlich eingenickt war.

“Das Ministerium hat Gesprächsbedarf,” sagte Neubauer rasch, nachdem er all seinen Mut zusammengenommen hatte. “Wir müssen reden. In Deutschland werden zuviele Lebensmittel vernichtet.”

Prof. Dr. Dr. Friedrich Unstrut von Haue blinzelte an dieser Stelle, was Neubauer vollkommen verunsicherte. Er kam aus dem Konzept und geriet ins Stottern.

“Ich… das heißt, wir… also, das Ministerium…” Neubauer schlugte heftigst. “WirmüssenderVerschwendungeinEndesetzen. EswerdenzuvieleLebensmittelvernichtet.” Er las hastig die ersten Sätze seines Stichwortpapiers. “VierzigProzentderErnteverrottetaufdenFeldern. ProduzierteLebensmittelverkommenwährendinAfrikaderHunger…” Er brach ab.

Dr. Dr. Dr. h.c. Angelika Lamschlag hatte sich geräuspert.

Neubauer sah verunsichert hinter seinem Blatt auf.

“Sie haben vollkommen recht,” sagte sie.

“Wie bitte?” fragte Neubauer und sah sie mit großen Augen an.

“Sie haben vollkommen recht,” beteuerte Dr. Dr. Dr. h.c. Angelika Lamschlag und lächelte ihn dabei wohlwollend an. “Ich habe gerade erst mit meiner Nichte – ich habe ja leider keine eigenen Kinder – also ich habe gerade erst mit meiner Nichte darüber gesprochen: Amelie, habe ich gesagt. Sie heißt Amelie, deswegen habe ich Amelie gesagt. Amelie, habe ich gesagt, Du mußt aufessen. Es gibt Kinder in Afrika, die verhungern. Du aber hast Essen und wenn Du nicht aufißt, dann weinen die sterbenden Kinder in Afrika. Weil hier liegt das Essen auf Deinem Teller und sie haben nichts. Das macht sie sehr, sehr traurig. – Wie uns alle denke ich.” Sie sah zu ihren Kollegen, die alle eifrig nickten.
Außer Staatsschauspieler Harald Jahnert, der gerade damit beschäftigt war sich etwas von dem Inhalt seiner Feldflasche in seinen Kaffee zu gießen.

“Aber…” Neubauer sah in seine Papiere. Dort fand er gleich den fett mit Neongelb markierten Abschnitt über die Landwirtschaft. “Aber auf deutschen Feldern verrotten 40% der…” Er verstummte, als er Angelika Lamschlags traurigen Blick sah.

“Das hat meiner Nichte fast das Herz gebrochen.”

“Äh, wie meinen…?” Neubauer sah sie verdutzt an.

“Und sie hat alles aufgegessen. Alles! Sogar die gesamte holländische Sauce hat sie ausgetrunken. Ganz alleine.”

“Ja, also, ich…”

“Und das ist Ihre Schuld!”

Neubauer sah sie erschrocken an. “Aber ich, ich…”

“Es ist Ihre Schuld, dass die Menschen davon nichts wissen. Das sie nicht wissen, wie wertvoll ihre Lebensmittel sind. Und was machen Sie? Sie sitzen hier einfach mit uns und… und… und sitzen! Aber was machen Sie eigentlich?”

Rasch versuchte Nebauer in seinen Papieren etwas zu diesem Thema zu finden: Schuld, Sühne… Doch nirgends stand davon etwas.

“Ich bin schwer enttäuscht von ihnen, Jörg.”

Neubauer schluckte. “Es tut mir leid,” murmelte er leise.

“ETWAS LAUTER!” rief Dipl. Psych. Julius Meinert vom anderen Ende des Tisches hinüber, während er sich von Jahnert einschenken ließ. “Es sollen ruhig alle hören, dass es ihnen leid tut. Sonst wird das garnichts mit der Katharsis.”

“Es tut mir leid,” wiederholte Neubauer etwas lauter.

“Nun, das ist schon ein Anfang,” meinte Lamschlag dazu und begann wieder zu lächeln. “Aber es ist noch nicht zu spät! Sie müssen nach vorne sehen. Sie können etwas tun. Etwas verändern. Mein Kollege hier hat schon einen Vorschlag…”

Prof. Dr. Dr. Friedrich Unstrut von Haue ließ drei pralle Aktenordner auf den Tisch krachen. “Ja, also eine Plakataktion. Mit irgendwas traurigem. Titel, Titel…” Er wedelte mit der Hand in Richtung von Neubauer.

Neubauer öffnete seinen Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen.

“…Zu gut für die Tonne. Bundesweit! Online natürlich auch! Kostet das Ministerium nur ein paar Millionen. Dann irgendwas auf der Grünen Woche. Wie toll doch Kühlschränke sind. Ein paar Stände dazu. Das übliche. Schülerprogramm. Grußwort der Ministerin. Vielleicht eine Wanderausstellung.”

Neubauer nickte bei jedem Wort.

“Sehen Sie, Jörg…” schloß Dr. Dr. Dr. h.c. Angelika Lamschlag direkt an ihren Kollegen an, während dieser die Akten zu Neubauer über den Tisch schob. “…so fühlen Sie sich gut. Das Ministerium fühlt sich gut. Die Mütter fühlen sich gut, weil sie durch Sie ihre Schuld erkennen und dagegen etwas tun können. Und die Kinder fühlen sich gut, weil sie aufessen und rund und gesund werden. Da ist für alle etwas dabei. Wir befassen uns mit irgendwelchen 40% doch erst garnicht. Viel wichtiger ist doch, dass jeder alleine bei sich anfängt. Da sind wir uns doch einig, oder?”

Neubauer sah hinter den Aktenordnern hervor, die vor ihm aufgetürmt waren. Er nickte verzagt.

“Das freut mich, dass wir uns so gut verstehen,” fügte Lamschlag an und erhob sich. “Sie sind ja doch ein sympathischer und verständnisvoller Mensch. Vielleicht sollten wir uns mal zu unserem Dinner mit der Ministerin dazukommen. Aber nur wenn sie aufessen.” Sie begann herzlich zu lachen und ihre Kollegen stimmten sofort ein, dann verließen sie den Raum.

Für einen Moment saß Neubauer noch alleine hinter den Aktenordnern. Dann griff er zum Telefon. “Sandra,” sagte er heiser. “Sandra, wir haben doch Erfahrung mit Plakatkampagnen, oder?”

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