Karnevalsnacht

nacht

Auf dem Weg nach Hause begegnete ich einem Pferd. Wir gingen ein Stück gemeinsam und ich bot ihm etwas von meinem Fusel an. Wir waren beide schon nicht mehr nüchtern. Das Pferd gestand mir, dass es noch nie einen so nettem Teufel begegnet sei. Das brachte mich in Verlegenheit und ich rückte meine Hörner zurecht.

Unser Gespräch driftete ab, nachdem wir an einem Kino vorbeigekommen waren. Dort schloss sich uns eine Meerjungfrau an. In ihrem Haar hatte sie Meerschaum, Seesterne und Muscheln. Das Pferd konnte nicht wiederstehen darin zu wuscheln und schließlich nahm sie ihr Haar ab und gab es dem Pferd. Mit leisem Glucksen spielte sie mit dem fremden Haar, während wir weitergingen.

Die Meerjungfrau kratzte sich am Kinn, wo schon wieder ihr Bartstoppeln zu sehen waren. Sie hatte sich am Morgen rasiert, doch jetzt in der Nacht…

Aus jedem dritten, vierten Haus hörten wir Musik und lautes Singen. Wir bogen in den Park ab und gingen quer über das Gras, so dass sich die feuchten Schneereste an unseren Schuhen sammelten, bis wir zu dem Spielplatz kamen. Dort setzten wir uns ahin und froren gemeinsam, während wir den Sterne über uns zusahen.

Die Sterne und der Mond kreisten und bogen sich über das Firmament, während wir alternde Schatten in der Dunkelheit saßen, jeder auf seiner Kinderattraktion. Der rothaarige Kobold, der plötzlich zwischen uns saß,
– mehr hierher gehörend als jeder von uns – begann zu erzählen: Vom Verlauf der Nacht, von Freundschaft, Liebe, von Musik, Extase und deren Ende irgendwo im Rinnstein hinter einer Bar, dort wo Erbrechenes und Ringe gemeinsam zwischen den Ritzen eines Gullis in die Kanalisation verschwinden.

Gerne hätten wir dem Kobold etwas zu trinken angeboten. Doch der Fusel war verbraucht, die Flasche auf dem Weg in Scherben zerbrochen. Er saß zwischen uns im Sand und wird hatten nichts für ihn. Nur die Meerjungfrau stand auf und legte ihre Jacke über seine Schultern.

Das Pferd begann leise zu singen und ich stimmte etwas ein. Nach der ersten Strophe vergaß ich aber den Text und summte nur noch mit. Doch die Meerjungfrau rettet das Lied und stimmte mit kräftigem Bariton ein, stand von der Wippe auf und schmettert den Refrain, während sich das Licht in ihren glitzernden Schuppen sammelte und über den kalten Spielplatz blitzte.

Selbst das Pferd verstummte und wir sahen ihr alle nur zu, bis das Lied endete, ließen die Reflektionen über unsere Gesichter gleiten.

Als die Meerjungfrau geendet hatte, schrie jemand: “Haltet die Schnauze, ihr Wichser! Verpisst Euch, sonst knallts!” Und zwischen uns Vieren, dem Pferd, dem Teufel, der Meerjungfrau und dem Kobold breitete sich ein Grinsen aus. “Unsere verrückte Zeit,” sagte das Pferd und schwang sich auf, holte mächtig auf ihrer Schaukel aus und flog dann in weitem Bogen in den Nachthimmel hinauf.

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