All die schönen Pferde…

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Nur mit äußerster Mühe konnte sich Dr. Robert Kloos, Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, durch die Tür zu seinem Büro quetschen. Mit seinem Aktenkoffer schlug er auf die Hufe ein, die versuchten mit ihm durch die Tür zu gelangen. Wütendes Wiehern war die Reaktion.

Kaum hindurchgekommen, stemmte er sich gegen die massive Tür, zwang sie ins Schloss und drehte mehrfach den Schlüssel um, während dahinter weiterhin der Tumult deutlich zu hören war. Das Getrappel unzähliger Hufe wollte nicht verstummen. Ebensowenig wie das Krachen berstendes Büromobiliars.

Dr. Kloos fiel auf, dass sein persönlicher Assistent Ernst Mahrhammer ebenfalls in dem Büro Zuflucht gesucht hat.

Dr. Kloos versuchte sich zu sammeln. “Mahrhammer! Was hat es mit den Pferden auf sich?”

Nun da sein Chef anwesend war, erhob sich Mahrhammer vom Fußboden auf dem er gekauert hatte. “Chef, es geht um die Pferdefleischfunde…”

Die Lasagne-Geschichte?” Kloos war immer noch etwas außer Atem, versuchte inzwischen aber vor allem sein Haar wieder in Ordnung zu bringen. “Und ich dachte immer, dass Gammelfleisch ein Problem…”

Ein lautes Heulen unterbrach ihn. Dann klang scheppernd eine Megaphon-verstärkte Stimme durch das Gebäude: “Aigner, Sie können sich nicht vor uns in Bayern verstecken! Wir werden nicht einfach nur zugucken, wenn unsereiner zwischen Tomatensauce, Pasta und Analogkäse verwurstet werden. Niemand, der von uns gegesssen hat wird entkommen!” Aus allen Teilen des belagerten Ministeriums war zustimmendes Gewieher zu hören.

“Woher haben die Pferde das Megaphon?” fragte der erbleichte Staatssekretär seinen Mitarbeiter.

Mahrhammer zuckte verunsichert mit den Achseln.

“Das wird der Ministerin nicht gefallen. Wenn jetzt auch noch die Haltungsvorschriften mißachtet werden.” Er griff zum Telefon auf seinem Tisch. Doch als er den Hörer abnahm, tat sich nichts: Die Leitung war gekappt worden.

Aus der Etage unter ihnen, dort wo der große Konferenzraum war, war deutlich Galoppieren zu hören.

“Haben Sie ihr Handy dabei?” fragte Kloos.

Mahrhammer hob hilflos sein teures, nun lebloses Smartphone an. “Seitdem ich um Hilfe telefoniert habe, ist der Akku leer.”

Dr. Kloos ließ sich mit einem Schnaufen auf sein Bürostuhl fallen. “Kommt denn Hilfe?”

Mahrhammer zuckte mit den Achseln. “Das ist es ja. Ich habe dauernd rumtelefoniert. Die Polizei meinte nur sie sei für Notschlachtungen nicht zuständig. Das Veterinäramt, dass politische Demonstrationen nicht in ihr Aufgabengebiet fallen.”

Beide Männer verstummten als sie hörten, wie unzählige Hufe sich durch den Korridor neben dem Büro wälzten. Ihm ging das hilflose Schreien eines Mitarbeiters voraus, der panisch versucht sich vor der Stampede in Sicherheit zu bringen.

“Mahrhammer, es hätte niemals soweit kommen dürfen.”

Sein Assistent nickte ihm zu.

“Wir Nordeuropäer hätten schon vor Jahren den Pferdefleischkonsum bei uns fördern…”

Mit einem ohrenbetäubenden Krachen zerstob in diesem Moment die Tür. Ein Haufen Holzsplitter schoß durch den Raum, während ein riesiger, schwarzer Wallach in dem gesprengten Türrahmen stand. “KLOOS!”

Müde verbarg der Staatssekretär sein Gesicht in seiner Hand. “Mahrhammer sagen sie meiner Frau, dass ich sie liebe und es bereue gestern mit ihr zum Italiener gegangen zu sein.”

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