Turbogiraffe Episode 354 – Müll und Hawking-Strahlung

vuillemin_astronomique

Das Schwarze Loch im Zentrum der Galaxie MGV-1783/e ist beeindruckend: An Rande seines Ereignishorizontes bildet sich ein Wall aus Strahlung, der wie ein umgekehrtes Nordlicht schillert und blitzt. Seit Jahrmillionen hat das Schwarze Loch bereits keinen Stern mehr verschlungen, nur interstellares Gas und kulturellen Müll.

Darin lag auch der Grund meines Besuches: Im Umlauf um das Schwarze Loch schwebt nämlich Kderastus-7, die größte Müllbeseitigungsanlage im ganzen Galaxiencluster. Das selbst für den geübten Blick einer Giraffe verwirrende Gewirr aus einzelnen Anlagen und deren Verbindungen untereinander hat größere Ausmaße als mancher Gasplanet.

Ich schwebte langsam zwischen seinen Einzelteilen hindurch und staunte über die filigran wirkenden, sich dynamisch anordnenden Verbindungen. Um zugleich den Zugkräften der Schwerkraft zu wiederstehen, besitzen alle einzelne Elemente einen unabhängigen Beschleunigungsantrieb. Damit ein einzelnes beschleunigendes Element nicht die gesamte Konstruktion auseinander reißt, müssen die Verbindungsstücke (gigantische Streben, Rohre und kilometerdicke Kabelstränge) immer wieder gelöst und neu verbunden werden.

So ergibt sich ein automatisches Ballett: Hier und dort feuert ein Triebwerk, beschleunigt eines der Fabrik- oder Müllbeseitigungselemente und entfernt es wieder etwas von dem es ständig anziehenden Schwarzen Loch. Während in der Dunkelheit des – nur durch das Flackern des Ereignishorizontes erleuchtenen – interstellaren Raums die Triebwerke aufflammen, beginnen die Verbindungselemente einen Tanz aus Schwenkbewegungen, beginnen sich zu drehen und in scheinbarem Eigenleben durch den Raum zu schwingen, bevor sie einer mathematischen Kurve folgend sich irgendwo passgenau mit der Gesamtkonstruktion verbinden.

All dies geschieht hundertfach gleichzeitig innerhalb des Gebildes. Automatisiert und seit Jahrhunderten einem dynamischen, unendlich komplizierten Ablauf folgend.

Die Müllbeseitigungsanlage war nämlich schon seit Tausenden von Jahren verlassen. Zu oft hatten die Betreiber von Kderastus-7 das Schwarze Loch als Entsorgung für den kulturellen Sondermüll aus der ganzen Galaxie verwendet. Doch einmal in das Schwarze Loch aufgesogen, kehrte er als Hawking-Strahlung in die Galaxie zurück. Einem Effekt, den die Betreiber von Kderastus-7 nicht einberechnet hatten. Als nun unzählige Kulturen mit dem Informationen-gewesenem-Hawking-Strahlung-gewordenen kulturellen Sondermüll anderer Kulturen überschwemmt wurden, begann die Galaxie aus den Fugen zu geraten.

Spätenstens nachdem die Reality-TV-Darstellerin Ulululela von Mekos-VI bei einer Live-Übertragung des rhinchotopischen Fernsehens von Mekos-III entführt wurde, konnte niemand das Problem mehr leugnen. Ulululela war inzwischen aufgrund von Hawking-Strahlungs-Effekten auf Szetabo-V als göttliche Erscheinung verehrt worden und die Entführung ein Versuch ihrer Gläubigen sie aus der Knechtschaft des rhinchotopischen Fernsehens zu befreien.
Als dann kurz darauf auch noch die Lobsall-Kolonien im Surgas-Nebel mit den Rezepten der intergalaktischen Fastfoodkette NomNom-YipYip bombardiert wurde, eskalierte die Situation.

Kderastus-7 wurde kurz darauf geschlossen. Versuche der Betreiber einen Hawking-Strahlungs-Streuer zu installieren wurden als zu kostspielig verworfen und nicht mehr umgesetzt.
Nun schwebt Kderastus-7 als gigantische, automatisierte Industriebrache um das Schwarze Loch herum. Nur wenige trauen sich in seine Nähe, da das Betreten der Anlage eigentlich verboten ist.

Weil ich das nicht wußte, versuche ich schon seit Stunden die Aufmerksamkeit von ZEV 40-30 zu erhalten. Allerdings reagiert es nicht, wenn ich ins mein Interdimensionales Funkgerät (IDF) flüstere.

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