Supermarkt Level Kuh

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Bastian war ein ausgesprochen durchschnittlicher Mensch. Er hatte nach seinem VWL-Studium zuerst bei einer Bank, dann schließlich bei einem Vermögensberater gearbeitet; bevor er irgendwann festgestellt hatte, dass das doch nichts für ihn war. Über Umwege war er schließlich in der Finanzabteilung eines Versandhändlers gelandet, wo er es sich vorübergehend gemütlich gemacht hatte, um ordentliches Geld für sein Familienleben (Freundin und Tochter) zu verdienen. Dies änderte sich letzten Dienstag.

Bastian stand gerade spät am Abend (er hatte wegen eines Logistikfehlers Überstunden machen müssen) im Supermarkt vor dem Weinregal und versuchte sich zu entscheiden, ob er wohl besser einen Pinot Noir oder einen Rioja mitnehmen sollte. Die Gänge waren leer, bis auf ein paar verschlafene Angestellte am Eingang schien kaum noch jemand einzukaufen.

Er erschrak als er plötzlich angesprochen wurde: “Entschuldigung! Ich möchte mit Ihnen über Sterbehilfe sprechen.”

Als er sich umdrehte, zuckte er noch einmal zusammen und erstarrte dann mitten in der Bewegung: Vor ihm stand eine Kuh.

Sein Gehirn benötigte einen Moment um die visuelle Information zu verarbeiten: Erstens handelte es sich nicht um jemanden in einem Kuhkostüm; zweitens stand die Kuh tatsächlich auf den Hinterbeinen, was merkwürdiger aussah, als er sich das jemals hätte vorstellen können; drittens bemühte sich die Kuh ausgesprochen ungeschickt mit ihren Hufen ein Klemmbrett und einen Kuli zu halten, während sie ihn mit großen, dunklen Augen durch ihre Viertelbrille ansah.

Bastian konnte garnicht anders, als in dem Moment ein nervöse Lachen hervorzustoßen. “Das ist ein Scherz, oder? Hier ist irgendwo eine versteckte Kamera.”

“Nein, ich kann Ihnen versichern, dass dies kein Scherz ist,” antwortete die Kuh. “Sterbehilfe ist ein sehr ernstes Thema.”

“Aber… Aber… Sie sind eine Kuh!”

Die Kuh sah ihn einfach nur an und blinzelte. Offensichtlich schien ihr seine Erkenntnis nicht der Rede wert zu sein. “Sehen Sie… worüber ich mit Ihnen sprechen möchte, ist dass viele von uns vor dem Tod unnötig leiden müssen. Ich sammele deswegen Unterschriften. Kennen Sie sich denn mit dem Thema aus?”

“Thema, welches Thema?” Die verschiedenen Teile seinen Gehirns waren immer noch damit beschäftigt den Dialog mit seiner Wahrnehmung zu koordinieren.

“Sterbehilfe, das sagte ich doch schon bereits. Wir wünschen uns doch alle ein freies, selbstbestimmtes Leben, oder nicht? Wir sind der Meinung, dass das auch auf den Tod zutreffen sollte.”

“Moment, sie reden…”

“Von einem selbstbestimmten, würdigen Tod, ja.” Die Kuh tippte mit ihrem Huf auf ihr Klemmbrett.

Bastian erbleichte. Sein Blick fiel auf seinen Einkaufskorb, aus dem die Verpackung Cannelloni mit Fleischfüllung fiel, die er hatte mitnehmen wollen. Dann sah er mit weit geöffnetem Mund die Kuh an. “Oh, sie reden…” hauchte er.

Die Kuh hob ihre Augenbrauen oder das, was man bei einer Kuh dafür betrachten konnte, in Ermangelung tatsächlicher Augenbrauen. Über ihre Brille hinweg sah sie ihn an.

“Ich… Das wollte ich nicht!” schrie Bastian und warf in diesem Moment den Einkaufskorb in hohem Bogen von sich. Die verschiedenen Einkäufe landete mit dem Flatschen und Knistern von Plastik auf dem Boden weit hinter der Kuh. “Ich… Ich…” stammelte er.

“Hören Sie, wenn Ihnen das Thema unangenehm ist, müssen wir darüber nicht sprechen. Ich habe selber Fälle in der Familie,” bemerkte die Kuh und schob das Papier auf ihrem Klemmbrett zurecht. “Aber trotzdem noch die Frage: Sind sie Organspender?”

Bastian entfuhr ein spitzer Schrei. Er versuchte zurückzuweichen, stolperte dabei aber über die Packung Parmesan, rappelte sich hastig wieder auf und rannte dann den Gang hinunter. Für einen Moment war sein wildes Schreien noch aus der Abteilung für Wasch- und Reinigungsmittel zu hören, dann verlor es sich.

Die Kuh seufzte. Frustriert riss sie das bereits vorbereitete oberste Blatt von ihrem Klemmbrett ab und stopfte es sich in den Mund. Langsam darauf wiederkäuend machte sie sich auf die Suche nach dem nächsten Kunden.

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