Kohlensäure

Frederik Theodor Kloss - Store Geysir på Island (Quelle: Wikimedia Commons)

Renés Vater hatte einen größeren Vorrat an Sprudel gekauft. Es war seine übliche Methode lieber mehrere Kästen auf einmal zu kaufen, als einmal die Woche losfahren zu müssen. Die Kästen mit lauter Flaschen voller Kohlensäure-haltigem Mineralwasser standen nun im Hausflur, wo René und seine Freundin Charlotte sie sich ansahen. Renés Vater war noch einmal losgefahren, um schnell noch ein Hühnchen fürs Abendessen zu besorgen, während die Kinder sich mit der Xbox hätten beschäftigen sollen…

Doch nun standen sie vor den Kästen und sahen sie mit großen Augen an.

“Wenn ich Sprudel trinke, muß ich immer rülpsen,” sagte René nach einer Weile und ohne auf eine Reaktion von Charlotte zu warten, griff er in einen der Kästen, zog eine Flasche daraus hervor, öffnete sie mit einiger Anstrengung und nahm einen großen Schluck.

Für einen Moment stand René mit aufgeblasenen Backen im Flur, während ihn Charlotte abwartend von der Seite ansah. Dann öffnete René den Mund und stieß ein respektables Bäuerchen hervor, dass er mit mehreren kleineren, hervorgepressten Rülpser abschloss.

Charlotte sah ihn angewidert an und schüttelte dann den Kopf. Wortlos griff sie sich ebenfalls eine Flasche, öffnete sie auch nur mit einer gewissen Kraftanstrengung und nahm sehr, sehr großen Schluck. Die Luft pfiff dabei in ihre Nase, da sie sicherstellte, dass sie so richtig viel Luft einzog und als sie dann die Flasche absetzte, ließ sie einen richtig lauten, vollen Rülpser los. Dann grinste sie René an.

Er verzog das Gesicht. Dann – mit wild entschlossen, zusammengekniffenen Lippen – hob er seine Flasche mit dem bitzelnden Inhalt wieder an die Lippen und nahm einen langen Zug. Er sog das Kohlensäure-haltige Mineralwasser in sich hinein, es blubberte und schäumte in der Flasche, wenn er immer wieder dazwischen Luft holte, um weitertrinken zu können. Er setzte erst ab, als fast die ganze Flasche geleert war. Dann rülpste er so kräftig, dass der tiefe Klang seinen ganzen Jungenkörper erzittern ließ und das Geräusch füllte den Korridor aus, dass es geradezu in die angrenzenden Räume überschwappte. Es schien als ob die Scheiben der Wohnung zitterten.

Er wischte sich mit seinem Arm über die nassen Lippen und als sie wieder zum Vorschein kamen, zeigte er Charlotte ein breites Grinsen.

Sie rümpfte die Nase und stellte ihre gerade einmal halbleere Mineralwasserflasche beiseite, um sich eine neue greifen zu können. Sie holte tief Luft als sie diese an ihre Lippen setzte und trank und trank. Ihr ganzes Gesicht schien rot anzulaufen, das Wasser gluckerte in ihrem Magen und als sie dann den Mund öffnete, entließ sie den gewaltigsten Rülpser, den sie jemals gerülpst hatte.

Schlagartig begann in einer Wohnung drei Etagen tiefer ein Baby laut zu schreien. Auf der Straße sprang die Alarmanlage eines Autos an.

René verschränkte die Arme vor seiner Brust. “P…!”
Er griff sich eine neue Flasche und leerte sie in einem Zug. Das Wasser trof von seinen Lippen herunter, während er Schluck um Schluck herunterstürzte und dabei mehr und mehr nach Luft schnappte, bis sein ganzer Körper straff gespannt war und es ihm vorkam, als ob er jeden Moment platzen müßte. Er wankte leicht, aber dann ließ er von der Sprudelflasche ab und als er rülpste, schien die Wohnung zu platzen. Das Geräusch war so laut und mächtig, dass es sich wie ein Durchbruch durch die Schallmauer über die ganze Stadt verbreitete. In den Feuerwehrstationen schrillten die Alarmglocken, die Männer sprangen auf und rannten zu ihren Fahrzeugen; während bei der Polizei die Beamten panisch herumtelefonierten, um den Ursprung dieses gewaltigen Geräuschs zu finden.

Leicht schwankend ließ René die Flasche fast auf den Boden fallen, so erschöpft war er von der Anstrengung. Doch es blieb ihm genug Kraft, um für Charlotte breit zu lächeln, die ihn im Gegenzug mit finsterem Blick anstarrte.

Mit wütend verzogenem Mund, zerrte sie an einem der Mineralwasserkästen und zog nicht eine, sondern gleich zwei Flaschen hervor. Herausfordernd sah sie ihn an, während sie erst eine, dann die andere öffnete und schließlich sich abmühte, um beide gleichzeitig an ihre Lippen zu setzen. Ihre Mädchenarme zitterten unter dem Gewicht der vollen 0,7 Liter-Glasflaschen, doch dann schoß der Sprudel über ihre Lippen in ihren Mund und sie schluckte alles herunter, das ganze Gemisch aus Wasser, Luft und Kohlensäure. Für einen Moment schien ihr schwarz vor Augen zu werden, während sie immer mehr und mehr Wasser aus den Flaschen hervorzuschießen schien, doch Charlotte ließ nicht ab.

Und als sie dann rülpste, wurde die Erschütterung in Paris noch als ein Erdbeben der Stärke 4 auf der Richterskala gemessen.

René stand blaß neben ihr, während Charlotte versuchte so etwas wie ein Grinsen zustande zu bringen. Er schüttelte nur den Kopf und riss einen ganzen Kasten von dem Stapel herunter und begann so viele Flaschen, so schnell wie möglich zu öffnen.

Als Charlotte das sah, zögerte sie keinen Moment und begann auch mit dem Flaschenöffnen. Immer schneller, immer mehr.

Flasche über Flasche Kohlensäure-haltiges Mineralwasser stürzten sie ihre Kehlen hinunter. Mehr und mehr, bis sich zu ihren Füßen das leere Glas zu sammeln begann. Immer mehr Luft, immer mehr Wasser schluckten sie herunter, bis ihre Körper so prall und so voll waren, dass sie in der Enge des Korridors sich gegenseitig geradezu in den Weg kamen und als sie dann beide gleichzeitig ihren Mund öffneten und die ersten Schallwellen über ihre Lippen kamen, erschütterte ein Rülpser die Erde, der –

…und das ist der Grund, warum zwischen Rhein und Oder nur unzivilisierte Einöde zu finden ist und der Rest der Welt auf Kohlensäure-haltiges Mineralwasser verzichtet.

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