Macht ist Mißbrauch

Maximilien Luce - Une rue de Paris en mai 1871 (Quelle: Wikimedia Commons)

Mein Freund, den alle nur Paule nennen, ist Anarchist. Oder “Radikaldemokrat”, wie er es selber nennt. Seine wilde Punkzeit ist vorbei und seitdem seine Tochter 2 Jahre alt ist, hat es auch mit den bunten Haaren aufgehört. Dennoch ändert das nichts daran, dass er auf die Straße geht. Selbst als er das letzte Mal in Frankfurt ihm die Polizei die Fresse poliert, ihn aufs Amt geschleift und ihm eine Anzeige wegen “Körperverletzung” anzuhängen versucht hat, will er damit nicht aufhören.

“Macht ist Mißbrauch,” hat er mir erklärt, während er an seinem Joint gezogen hat. Er gönnt sich nur noch selten einen (wegen seiner Tochter), aber er hatte an diesem gemeinsam Abend, auf der Terrasse, wo wir zusammen saßen, die rechte Gelegenheit gefunden. Durch den süßlichen Rauch des Grases begann er abzuschweifen, erzählte von den G8-Demonstrationen, von Genua, Heiligendamm. Wir drifteten durch seine Sichtweise der Weltgeschichte. Und irgendwie landeten wir bei seiner Freundin Leilah.

Leilah war in Frankreich, in den Vorstädten aufgewachsen. Ein scheinbar so engagiertes Mädchen, dass sich in jeder Demo in die vorderste Reihe gestellt hat, ganz egal wie hochher es ging. Doch der Anschein trügte: Zuerst war es ihr Bruder, der sie immer mitnahm und in deren Nähe sie sich aufhielt. Später war es ihr “Freund” (er machte Anführungszeichen in der Luft), der einer der besten Kumpels ihres Bruders war. Eines Tages war sie verschwunden.

Erst Jahre später begegnete Paule ihr wieder: In einem Supermarkt in Marseille an der Kasse. Er erkannte sie ohne Rasta-Locken kaum wieder. Aber sie kamen dennoch ins Gespräch.

“Eigentlich hielten wir alle ihre Freund für einen netten Kerl,” murmelte Paule etwas entschuldigend. Dass er sie geradezu zwang sich immer in die vorderste Reihe zu stellen, damit er sie “im Auge haben konnte” davon ahnte niemand etwas. “Bis sie dann in einer heftigen Nacht nicht so schnell rennen konnte wie er und von den GMs ins Koma geprügelt wurde. Sie hat mir dann erzählt, dass sie fast eine Woche auf Intensiv lag. Als sie wieder rauskam, hat sie die Beine in die Hand genommen und ist vor ihrem Freund und ihrer Familie zu einer ehemaligen Schulfreundin geflüchtet. Sie hat sich nie wieder bei ihrem alten Freundeskreis gemeldet. Das sie überhaupt mit mir gesprochen hat…” Er zuckte mit den Schulter. “Wahrscheinlich nur, weil ich Deutscher bin und sie wußte, dass ich so oder so nicht lange in der Stadt bleiben würde.”

“Aber das ist doch nicht charakteristisch,” warf ich ein. “Ihr Bruder hätte sie nie gegen ihren Willen mitnehmen sollen. Warum auch immer er so einen Blödsinn auch gemacht hat. Und ihr Freund?! Der war ein dummes Arschloch, das sie im Stich gelassen hat…”

“Eben.” Paule sah für einen Moment stumm seinen Joint an, der – an seinem Ende angekommen – langsam erlosch. Irgendwo weiter weg, irgendwo in der Dunkelheit, schwirrte ein Hubschrauber. Es klang wie ein Apache-Kampfhubschrauber, war aber hoffentlich doch nur ein normaler auf dem Weg zu einem Krankenhaus. “Ich kann es nicht genau sagen, aber erst ihr Bruder und dann ihr Freund, sie haben ihr gar keine Wahl gelassen, ob sie sich in Gefahr begeben will oder nicht. Das war die Macht über sie. Macht bedeutet die Möglichkeit zu bestimmen. Und zu bestimmen heißt andere Menschen als unmündig zu behandeln.”

“Aber du kannst das doch nicht auf unseren Staat…”

“Unser Staat ist der ultimative Machtmißbrauch,” unterbrach er mich. “Jede Regierung und alle staatlichen Institutionen exerzieren Macht, die den Bürgern nicht gegeben werden darf. Sonst ist er machtlos. Unser Staat basiert auf dem Entzug der Macht des Einzelnen.”

“Das ist der Gesellschaftsvertrag.”

“Deswegen habe ich von Leilah gesprochen. Ein Mensch, der Macht nie besessen hat, kann diese nicht hergeben. Weder freiwillig, noch sonstwie. Sie kann nur erworben werden, wenn man sich den entsprechenden Institutionen anschließt. Dann kann ich etwas nutzen, was anderen vorenthalten wird. Das ist der Mißbrauch.”

“Hm…” Für einen Moment wußte ich nicht genau, was ich antworten sollte. Ich hatte Paule auch selten so erregt gesehen, wie in diesem Moment. Normalerweise reagierte er wie jeder Kiffer: Er wurde durch das Gras milde und lachte leicht. Heute schien es ganz anders zu sein.

Er hatte den Joint immer noch in der Hand gehalten. Nun stand er auf und lehnte sich neben mich an die Balustrade. Er schnippte den Stummel des Joints in die Dunkelheit, während wir die Lichter der Stadt und die fernen Farben der schwindenen Dämmerung betrachteten. “Ich will nicht, dass meine Tochter im Koma endet, verstehst Du?” sagte er leise zu mir.

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