Neuste Erkenntnisse der Skandalogie

John Hogarth - An election entertainment (Quelle: Wikimedia Commons)

Wie uns der führende Skandaloge Dr. Eichhorn zur Kenntnis gebracht hat, hat der wenig beachtete Forschungsbereich der Skandalogie in seinem neusten Jahresbericht einen äußerst praktischen Ratgeber für den Skandalfall zusammengestellt, der den neusten Stand der Wissenschaft wiederspiegelt. Hier eine Zusammenfassung des Berichtes in leicht gekürzter und vereinfachter Form:

Ein Skandal ist, wenn andere sich aufregen. Dementsprechend ist die beste Gegenmaßnahme zu leugnen, dass es überhaupt einen Grund zur Aufregung gibt. Dies beruhigt das Gegenüber, weil es sich ernstgenommen fühlt. Sollte der Grund für die Aufregung unleugbar sein, sollte er heruntergespielt werden. Man sollte der aufgeregten Person oder Personengruppe deutlich vor Augen führen, dass es noch andere, viel schlimmere Dinge gibt die ein Grund zur Aufregung wären. Dies beruhigt ungemein.

Sollte die Aufregung sich immer noch nicht legen, muß man sich auf einen Langstreckenskandal einstellen. Langstreckenskandal kann man nur ignorieren. Das nötige Maß an Ignoranz ist allerdings durchaus schwierig zu erreichen, da der Langstreckenskandal bedeutet, dass man sich nirgend, niemals und unter keinen Umständen zu der weiter andauernden Aufregung äußern darf. Dies erfordert ein hohes Maß an Willenskraft und Konzentration und die damit verbundene Anstrengung steht natürlich in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, der notwendig wäre, um die Ursache des Skandals zu beseitigen. Erster ist nämlich bedeutend höher.

Im Gegenzug erhält man die einzigartige Fähigkeit ganze Themenbereiche auszuklammern. Gerade in Biografien oder Programmen aller Art macht sich dies besonders gut, wenn man dort deutlich weniger Arbeit hat, weil man bestimmte Zeitabschnitte oder Themen einfach weglassen kann. Langstreckenskandal sind also keinesfalls ein Makel, sondern vielmehr eine Chance für biografische oder programmatische Ökonomie. Die ökonomische Akkumulation solcher Auslassungen werden umgangssprachlich auch als Wahlprogramme bezeichnet.

Sollte es bei der Bewältigung des Skandals zu einer Schwachstelle kommen, beispielsweise weil eine untergeordnete Instanz etwas tut oder sagt, was sie nicht tun oder sagen sollte – etwa indem sie den Grund der Aufregung validiert, so hat sich die besagte Instanz selber als Aufregungsverursacher und damit auch Ursache eines oder sogar des Skandals an sich identifiziert. Ihre Beseitigung läßt die Aufregung verschwinden und bewältigt damit alle Probleme auf einmal, so dass man danach wieder zur Tagesordnung übergehen kann.

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