Aus den Aufzeichnungen einer Fitnesstrainerin zu Jahresbeginn

Jean-Germain Drouais - Dying Athlete or Wounded Roman Soldier (Quelle: Wikimedia Commons)

1. Januar

Es hat begonnen. Wir haben die neuen Angestellten darauf hingewisen, dass ihnen ein psychologischer Beratungsdienst zur Verfügung steht. Die meisten haben nur gelacht. Wenn sie wüßten…

Wie üblich ist am Neujahrstag noch alles ruhig. Zuviele Alkoholleichen. Nur ein paar haben es versucht ihre guten Vorsätze gleich umzusetzen und wir mußten dann ihre Kotze wegwischen. Aber soweit alles noch kontrollierbar.

 

2. Januar

Heute kamen die Ersten. Es gab zwei Herzinfarkte auf dem Spinning-Trainer und einen Kreislaufzusammenbruch auf dem Stepper. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass die Stepper maximal 125kg tragen können.

Die Stammkunden haben begonnen im Hantelraum Barrikaden aufzubauen. Wir versuchen sie davon abzuhalten und zu erklären, dass auch Neukunden Menschen sind. Sie wollen nicht auf uns hören.

 

3. Januar

Samstag ist immer ein schlechter Tag. Aber heute war – wie leider zu erwarten war – besonders schrecklich. Und dann die ganzen Neuanmeldungen…

Ich kann nur das Schlimmste dokumentieren. Eine hat sich in der Streckschlinge fast stranguliert. An der Butterfly-Maschine kam es zu zwei Armbrüchen, an der Abduktorenmaschine zu drei gebrochenen Beinen. Wir mußten einen unter dem Powerrack hervorziehen. Die Notsanitäter sagten, dass noch Hoffnung besteht.

Doch besonders schlimm war der Unfall am Cable Crossover. Soviel Blut…

Drei neue Mitarbeiter mußten wir nach Hause schicken. Ich befürchte wir werden sie nicht wiedersehen…

 

4. Januar

Meine Hände zittern beim Schreiben. Aber es hilft, es loszuwerden. Wir konnten kaum den Empfang verlassen. Die Rettungssänitäter haben um die Ecke eine Kolonnen ihrer Wagen abgestellt. Das ist effektiver, als wenn wir sie jedes Mal anrufen müssen.

Wir mußten zwei Mädchen unter dem Laufband hervorziehen. Sie hatten versucht sich gegenseitig in der Geschwindigkeit zu übertreffen. Ein wegfliegender Schuh traf einen der Fernseher, der dann auf einen der Neuen auf einer stinknormalen Matte gefallen ist. Es ist erschreckend… Er hatte so aufgepaßt alles richtig zu machen und dann so etwas.

Wir konnten irgendwann garnicht mehr mitzählen. Wir haben nur noch versucht rechtzeitig das Blut aufzuwischen und den Defibrillator direkt an die Starkstromleitung angeschlossen. Und soviele Unfälle, die wir kaum mitbekamen: All die zerschmetterte Kniee, all die gequetschte Hände.

Sogar die Feuerwehr mußte aushelfen: Trainingsraum 3 und 4 mußte wegen Sauerstoffmangel not-evakuiert werden.

Wir haben jetzt endlich geschlossen. Von den Mitarbeitern sind nur noch 3 übrig und die Geschäftsführung hat jedem von uns einen Psychologen zur Seite gestellt. Die letzten Krankenwagen sind fort. Die Reinigungskolonne geht nun mit dem Hochdruckreiniger durch.

Morgen kommen wieder Neue die fit werden wollen. Wenn sie nur wüßten…

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