Inspiration

Francis Barraud - His Master's Voice (Quelle: Wikimedia Commons)

Sein Chef hatte ihm drei Tage Zeit gegeben sich noch einmal Ideen für den Text des Popsongs zu überlegen. Er war damit komplett überfordert und zunehmend verzweifelt. War er nicht einfach nur Praktikant? War es nicht schon schwierig genug gewesen überhaupt eine (natürlich unbezahlte) Praktikumsstelle bei dieser Plattenfirma zu bekommen? Und dazu noch eine bezahlbare Wohnung in Berlin?

Aber natürlich erkannte er, dass es ein Test war. Ein Test für eine mögliche, zukünftige Karriere in der Musikindustrie. Aber jeder seiner Vorschläge war verworfen worden. Seine Emails kamen mit dem kurzen Vermerk “Versuch’s nochmal!” zurück und all das, was sie ihm gesagt hatten, dass gerade er als junger Mann eine Nähe zu seiner Generation und damit zu all den jungen Musikkonsumenten da draußen haben sollte, hatte sich für ihn als falsch erwiesen.

Er hatte schließlich die Flucht aus der Stadt ergriffen, war zu seiner Familie in die Provinz gefahren und rechnete fest damit, dass sein Praktikum bei der Rückkehr am Montag ein jähes Ende finden würde. Es wollte ihm einfach nichts mehr einfallen… Was interessiert überhaupt die heutige Jugend? Er surfte stundenlang auf Youtube herum, sah stupide die neusten Hashtags auf Twitter durch, durchforstete Tumblr und dennoch wollte ihn nichts inspirieren…

Es war nach dem Abendessen (zu dem ihm seine Eltern hatten zwingen müssen) als er das rosafarbene Buch mit diesen-Comicpferden-da, das auf der Kommode im Flur lag, geistesabwesend zur Hand nahm. Er blätterte es durch und dann fiel sein Blick auf einer Seite hängen. Dort stand in ordentlicher Mädchenhandschrift: “Ich vermisse Dich wie eine Wiese im Winter die Sonne vermisst.” Zuerst wollte er losprusten, doch das Lachen blieb ihm im Hals stecken. Was wenn…?

Er nahm das Buch mit auf sein Zimmer und hackte in 10 Minuten eine Textcollage aus Zitaten zusammen. Für einen Moment zögerte er als er sie abschicken wollte. Doch dann drückte er auf “Senden”.

Die Antwort die er bekam war nicht begeistert, aber wohlwollend. Doch es reicht um ihn in ein bisher ungekanntes Hochgefühl zu versetzen. Er war so begeistert von seiner Leistung, dass die Probleme mit seiner kleinen Schwester, die ihr Poesiealbum vermisste, vollkommen in den Hintergrund traten.

Tatsächlich stellte sich am Montag heraus, dass der Text mehr als nur wohlwollend aufgenommen worden war. Er war nach oben weitergegeben worden und es stand im Gespräch ihn für eine aufstrebende Sängerin zu nutzen. Ihm wurde auf die Schulter geklopft. Er strahlte.

Bis zu dem Moment als sie ihm sagten, dass er doch gleich noch einmal ran sollte: Er hätte was es braucht! Für einen Moment sah er sich bereits als Angestellten, ja als zukünftigen Manager der Plattenfirma, doch dann erinnerte er sich daran, dass das Poesiealbum seiner Schwester im Haus seiner Eltern lag. Er bekam eine leichte Panikattacke.

Noch am Abend fuhr er zurück. Er mußte das Poesiealbum aus dem Zimmer seiner Schwester stehlen, während die beim Fußballtraining war. Dann setzte er sich sofort hin und schrieb seinen neuen Songtext. Natürlich blieb sein “Ausleihen” des Buches nicht unbemerkt und sorgte für einigen Wirbel, weil seine Eltern ihm nicht zuhören wollten, sondern nur versuchten seine heulende Schwester zu beruhigen.

Seine am nächsten Morgen deutlich verspätete Rückkehr an den Arbeitsplatz (wie üblich war die Bahn verspätet) fiel kaum jemandem auf. Man freute sich so über seinen neuen Text. Er wurde einigen Managern vorgestellt, er durfte Hände schütteln, dann kam der neue Auftrag…

Nach dem letzten Drama konnte er unmöglich wieder das Poesiebuch seiner Schwester stehlen. Eine ganze Nacht lang wand er sich im Schlaf, weil er nicht wußte wie er an neues Material herankommen sollte. Doch vielleicht gab es eine Möglichkeit mit seiner Schwester eine Übereinkunft zu treffen…

Seine Schwester war eine harte Verhandlerin. Erst nachdem er ihr ein iPhone der neusten Generation zusätzlich versprochen hatte, willigte sie endlich ein: Sie würde ihn mit den Poesiealben ihrer Klassenkameraden versorgen!

Danach lief es wie am Schnürchen. Am Wochenende fuhr er zu seinen Eltern, ließ sich von seiner Schwester mit einem neuen Schwung Poesiealben von Sechstklässern versorgen und unter der Woche nutze er sie, um Songs daraus zu machen.

Seine Chefs waren begeistert. Man staunte über sein Talent. Er hatte ein langes Gespräch mit dem Personalleiter, er durfte bei der Aufnahme eines “seiner” Songs dabei sein. Ein Juniormanager, der ihn ein paar Wochen vorher noch nicht einmal angeguckt hätte, bot ihm auf der Toilette eine Line Koks an.

Die Arbeitstage wurden kürzer für ihn. Die Songs gingen ihm immer leichter von der Hand. Jedes Wochenende bekam er drei bis vier neue Poesiealben in die Hand. Seine Schwester hatte inzwischen an ihrer Schule einen Beschaffungsring organisiert, der sich sehen lassen konnte.

Dafür wurden die Nächte immer länger. Er wurde zu Konzerten und in die Clubs mitgenommen. Es gab mehr freie Drinks als er jemals trinken konnte. Koks, MDMA und diverse Pillen wurde ihm angeboten. Alles begann miteinander zu verschwimmen.

Und dann war er auf einem Rap-Konzert. Er kannte die Formation auf der Bühne nicht, aber sie waren wichtig und jemand wichtiges hatte ihn dazu eingeladen. Als er sich umdrehte stand der Senior Vice President of Acquisition and Development neben ihm, den Arm auf seiner Schulter und er sprach mit irgendeinem Mann, der so wichtig war, dass er nicht nur zwei Bodyguards, sondern auch zwei Gespielinnen im Arm hatte: “Machen Sie sich keine Sorge. Wir haben genau den richtigen Mann für sowas. Bisher hat er nur Pop geschrieben, aber Rock, Rn’B und HipHop sind für ihn auf gar kein Problem. Nicht wahr?” Und dabei klopfte ihm der Senior Vice President auf die Schulter und grinste ihn an.

Kalter Schweiß brach bei ihm aus. Das Koks, der Alkohol und keine der anderen Sachen, die er sich eingeworfen hatte, konnten ihn in diesem Moment retten. Panik fraß sich durch sein Kopf und sobald es ihm möglich war, stürzte er auf die Toilette.

Während von draußen die Beats eines DJ-Millionärs durch die Mauern drangen, versuchte er eine vollausgewachsene Panikattacke zu meistern. Rock, Rn’B, HipHop… Wie sollte er das schaffen? Kein Poesiealbum der Welt würde das abdecken können…

Schwitzend und zitternd ließ er sich gegen die beschmierte Wand des Clubklos fallen und suchte irgendeine Begründung mit dem er sich um diesen Auftrag drücken konnte. Aber seine Zukunft stand auf dem Spiel, er konnte unmöglich… Er fühlte wie sich ein verzweifeltes Schluchzen durch seine Kehle nach oben zwängte. Hilflos schlug er gegen die Wand neben sich und als sie nach unten glitt, sah er dort diesen Schriftzug…

“Mädchen, die mit den Wimpern klimpern, soll man in den Hintern pimpern”

Es durchzuckte ihn. Ein plötzliches, unbeschreibliches Hochgefühl breitete sich in ihm aus. Er sah sich um, um ihn herum war ein Gewirr an Muschis und Schwänzen, Telefonnummern und unzählige Sprüche. Manche kaum noch zu lesen, andere durchgestrichen, weitere um immer neue Zeilen ergänzt.

Das war es, was er brauchte! Das war die Basis für Songs! Er zügte sein Smartphone (neustes Modell!) und begann hastig jeden der Sprüche abzufotografieren. Von draußen donnerte jemand gegen die Tür, weil er so lange das Klo belegte, aber er beachtete das nicht weiter. Er würde sich daran gewöhnen müssen. In Zukunft würde er viel Zeit auf Klos verbringen.

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