Ihr Vater, ihrer Großmutter und sie

Ferdinand Georg Waldmüller - The Grandmother's Birthday (Quelle: Wikiart)

Sie war sensibel für das Mißverhältnis ihres Vaters zu seiner Mutter. Sie spürte, dass vieles unausgesprochen blieb, wenn er sie bei ihrer Großmutter absetzte, wo sie dann manchmal einen Nachmittag, einen Abend oder sogar eine Nacht verbrachte.

Ihre Großmutter verwöhnte sie. Sie war noch zu klein gewesen, um mitzuerleben, wie sehr sich diese Frau zuerst gegen den Begriff “Oma” gewehrt hatte, aber ihn schließlich akzeptiert hatte – vor allem weil es ihre Enkelin war, die ihn aussprach.

Dennoch blieb dieses Etwas zwischen ihrem Vater und ihrer Großmutter immer vorhanden. Doch aufgeweckt wie sie war, fragte sie ihn danach und bekam als Antwort ein verstocktes Schweigen. Ihre Mutter versuchte eine Erklärung, die allerdings in schwer verständlichen Worten steckenblieb. Sie wußte, dass sie etwas bedeuteten. Das “alleinerziehend”, “Doppelbelastung” logisch zusammengehörten und dass “distanziert”, “passiv-agressiv” etwas erklärte. Dieses Zusammenhängen war ihr wichtig auch wenn sie die Worte zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstand. Erst viel später würde sie verstehen, welche Konflikte ihrer Großmutter damit verbunden waren. Und welche Konflikte ihres Vaters.

Manchmal – wenn sie gerade auf dem Parkettboden ihrer Großmutter mit den immer wieder neuen Spielsachen aus dem großen Korb, den ihre Großmutter unter der Treppe griffbereit hielt, beschäftigt war – erinnerte sie sich spontan, hob ihren Blick und sah ihre Großmutter lange an, versuchte die Frau, die über den Tisch gebeugt eine Zeitschrift las, mit den Worten in Einklang zu bringen, zu verstehen, was sie über sie erklärten. Ihre Großmutter merkte dies meist irgendwann, hob ihren Blick ebenfalls, lächelte und fragte etwas übertrieben betont: “Warum denn diese großen Augen?”

Gelegentlich – meistens wenn er gekommen war – saß ihr Vater dann auf der anderen Seite des Raums und zwischen ihm und ihrer Großmutter war eine große Stille. Sie spielte dann einfach weiter etwas länger, weil sie merkte, dass in diesem Momenten nichts außer ihr selber zwischen ihrem Vater und ihrer Großmutter war und beide sie liebten.

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