Turbogiraffe Episode 291 – Synästhesie

Langsam trieb ich durch den organischen Flüssigozean von Norbu-14. Bereits seit langem hatte ich versucht nach Norbu-14 zu gelangen, nachdem mir schon mehrfach Positives darüber zu Ohren gekommen war. Nun war es endlich soweit.

Sicher verpackt in meinem intradimensionalen Raumanzug wurde ich von den Strömungen des Ozeans getragen. Vor dem Visier meines Raumhelms sah ich wie sich die kleinen, halbtransparenten Lebewesen des Ozeans immer wieder verbanden, nur um sich dann mit einem kleinen, vielfarbigen Lichtblitz wieder voneinander zu trennen.

Aus Kopfhörern in meinen Ohren hörte ich derweil die verstärkten Schwingungen des Ozeans, die bekannt waren für ihre musikalischen Qualitäten. In einem Moment klangen sie wie eine trumphanisches Blasorchestermesse, dann wieder wie wilder Ragtime von der Erde des frühen 20 Jahrhunderts und darauf mischte sich eine hypersonore Stimme wie jene der Nurflügel von KO12S dazu. Es war ein herrliches Erlebnis.

Gerade endete etwas, was ich nur als eine Infraschall-Arie in Gis-Moll bezeichnen konnte, als wieder ein paar der Tierchen um mich herum mit Lichtblitzen um mich herum darauf zu reagieren schienen. Sie rissen mich aus meiner Versunkenheit und ich blinzelte, weil ich für einen Moment davon überzeugt war in den Blitzen etwas gesehen zu haben.
Allerdings schien daraufhin wieder ein Stück einzusetzen, diesmal mit so tiefen Basstönen, dass meine Drittmagen wohlig vibrierte.

Doch auch als diese Stück endete, bemerkte ich wieder die Lichtblitze der Tierchen um mich herum und diesmal sah ich genauer hin und konnte erkennen, dass es keineswegs nur einfach Lichtblitze waren. Es handelte sich vielmehr um eine Ansammlung von Zahlen: “7,5” und “7,8” und “8,3” konnte ich um mich herum erkennen.

Ich war etwas verdattert. Bewerteten die Tierchen die musikalische Leistung des Ozeans.

“ZEV? Hallo, ZEV,” rief ich in mein intradimensionales Funkgerät (IDF).

“ZEV 40-19 hier,” flötete es mir entgegen. “Was gibt es?”

Ich erschrak. Ich hatte mich immer noch nicht an die Stimme von ZEV 40-19 gewöhnt, die so ganz anders war als ZEV 40-18. “ZEV, kannst Du mir zusätzliche Informationen zum Ozean auf Norbu-14 geben?”

“Aber das mache ich doch gerne,” sagte ZEV 40-19 mit irritierender Höflichkeit. “Also… Der Ozean auf Norbu-14 bestand aus Kohlenstoffverbindungen, die sich in zufälligen Kombinationen verbanden, um sensitive Einheiten zu bilden, die durch ihre Schwingungen zu identifizieren waren. Dies wurde von Aussenstehenden als Musik wahrgenommen. Nach Vorstellung der im Ozean lebenden Organismen war dies eine Probe für die Große Symphonie, die am Ende der Zeit gespielt werden sollte.”

“Aha,” sagte ich nur und beobachtete mal wieder wie ein paar Tierchen um mich herum Lichtblitze von “6,4” und “5,9” produzierten.

“Wäre das alles?” frage mich ZEV 40-19 überaus freundlich.

“Ja…” murmelte ich, während ich plötzlich lauter Wertungen um mich herum sah. Auf die Musik achtete ich kaum noch. “Äh, nein, Moment!” rief ich schnell. “Du sagtest bestand… Wieso bestand?”

“Der Ozean auf Norbu-14 existiert leider nicht mehr. Er starb bei dem Versuch der Ozeanographen von Melkx ihn zu einer Konzertvorführung zu bringen.”

“Er ist tot?” fragte ich fassungslos. “Aber wo befinde ich mich dann gerade?”

“Aber auf Melkx natürlich!” entgegnete ZEV 40-19 so höflich, dass ich es in diesem Moment nur als Hohn betrachten konnte.

Ich reagierte sofort. Ich schaltete den neu erstandenen Turbobooster an meinem Raumanzug an. Mit einem Satz wurde ich an die Oberfläche des Ozeans katapultiert und zu meinem Entsetzen sah ich über mir nicht den Sternenhimmel von Norbu-14, sondern die charakteristische Weißflächenarchitektur eines Standardgebäudes von Melkx. Ich befand mich in einem kaum 12 Raumeinheiten großen Becken in dessen Mitte.

“Ah, sie sind wieder aufgetaucht!” rief eine laute Stimme.

Als ich mich umsah, war hinter mir ein typischer Ozeanograph von Melkx in seinem Karbonatanzug, der sich zu mir von seinem Boot aus herunterbeugte.

“Haben Sie die Simulation genossen? Ja?” Er grinste mich aus seinem drei Mündern an. “Dann ist hier ihre Rechnung!” sagte er und reichte mir eine lange Liste.

Während ich immer noch nach Worten rang, begannen mich zwei seiner, ebenfalls im Boot befindlichen Assistenten aus dem Becken herauszuheben.

“Wie sie sicherlich bemerkt haben, haben wir ihnen nur ausgewählte Kompositionen im mittelpreisigen Spektrum von 5,5 bis 8,5 vorgespielt. Sie werden sicherlich die Bewertungen bemerkt haben. Damit haben sie ein authentisches und zugleich preisgünstiges Erlebnis ohne jede Beeinträchtigung gehabt,” fuhr der Ozeanograph fort.

Seine Assistenten hatten inzwischen zielsicher an meinem Raumanzug die Tasche mit meinen hier gültigen Credit-Chips gefunden und bedienten sich.

“Wenn sie hier bitte auch eine Bewertung ihres Erlebnisses abgeben möchte,” sagte der Ozeanograph und drückte mir sein Klemmbrett in die Hand. “Das ist wichtig für die Marktforschung.”

Wenige Momente später stand ich auf den Straßen von Melkx, um mich herum riesige Leuchtreklamen. “Authentisches Ozeanerlebnis nur hier!”, “Erleben Sie den Ozean von Norbu-14, wie sie ihn noch nie gesehen haben!”, “Jetzt auch mit worthulischer Massage!” und darunter flammten hell immer wieder die für Melkx typischen Bewertungen auf: “9,4” und “9,7” und “9,2”

“ZEV, bist Du noch da?” frage ich leise in mein IDF. Plötzlich verspürte ich geradezu eine Sehnsucht nach ZEV 40-19’s übertriebener, aber ehrlicher Höflichkeit.

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