Echter Zirkus!

Der Alltag stellt uns immer wieder vor ungelöste Rätsel. Mysterien, die sich unserem Verstand entziehen, weil wir nicht das Wissen, die Erfahrung oder den Zugang zu einem Kreis von Eingeweihten haben, so daß wir wie – in einem raren Moment der Erkenntnis unserer Unzulänglichkeit – nur mit Verwirrung und mit Scham reagieren können, entlarvt in unserer Menschlichkeit.

Ein solcher Moment erfaßte mich angesichts dieses Plakats. Auf dem Weg ins Büro stellte es sich mir geradezu in den Weg und quälte mich mit seiner Aussage, forderte mich heraus mit der philosophischen Tiefe seiner Kernaussage und seinen schlechten Photoshop-Kenntnissen.

Wußte ich was “echter Zirkus” war? Offensichtlich gab es noch einen anderen, den falschen Zirkus. Und ja, meine Erinnerungen an den Zirkus gingen Jahre zurück, aber konnte ich nun sicher sein, dass diese nostalgisch verklärten Erinnerungen nicht mich verraten hatten; mir einen Zirkus vorgegaukelt hatten, der so garnicht echt war?

Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Sie quälte mich geradezu in ihrer Direktheit: Konnte ich mich überhaupt auf meine Erinnerung verlassen? Hatte ich wirklich Elefanten und Clowns gesehen? Oder hatte ich nur animatronische Modelle von Elefanten und minderlustige Menschen in geschmacks-verirrten Kostümen zugesehen? War die Zuckerwatte wirklich so süß gewesen? Oder handelte es sich doch bloß um ein diätetisches Ersatzprodukt?
Konnte ich mich überhaupt auf irgendetwas verlassen? War ich an dieser Stelle, in diesem Moment im Büro, hinter dem Schreibtisch richtig? War dies echt?

Die existentielle Herausforderung dieses Plakates, seine philosophische Dimension erschloß sich mir erst in diesem Moment der Krise. Meine Kollegen reagierten auf mein hilfloses Schreien “Woher wißt Ihr überhaupt, dass die Elefanten echt sind?” mit Konsternation. Sie verstanden nicht! Sie verstanden nicht, was hier vor sich ging. Wie konnte sie sich ihrer selber so sicher sein, wenn sie doch keinerlei Bestätigung dafür hatten.

Während mich höfliche Mitarbeiter einer psychiatrischen Klinik aus dem Großraumbüro herauszerrten, versuchte ich meinen Kollegen noch ein letztes zu vermitteln: “Die Clowns sind eine Lüge!” Doch sie hörten mich schon nicht mehr.

Mein behandelnder Psychiater reagierte auf meine Krise verständnisvoll. Der gemeinsame Besuch im “Circus Berolina” sah uns wie wir zwischen 4- und 5-jährigen saßen, gemeinsam Stücke von einem Lebkuchenherz abbrachen und gebannt auf das Geschehen in der mit Sägespänen ausgelegten Manege stierten. Auch er war danach überzeugt: “So wie das Zebra in die Manege gekackt hat, konnte das nur echter Zirkus sein.”
Mein Seelenheil war wieder hergestellt.

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